Ein Eastern in kreischendem Pastell, eine surreale Welt voller physikalischer Merkwürdigkeiten und drei der einprägsamsten Spielfiguren aller Zeiten: Bruce Lee von Datasoft ist ein im wahrsten Sinne des Wortes eindrucksvolles Spiel. Die vielen abstrusen Details und minimalistischen Sounds brennen sich unauslöschlich ins Hirn und lösen auch nach Jahrzehnten einen wohligen Schauer aus, wenn man sich ihrer erinnert. Dabei hat Bruce Lee technisch auf den ersten Blick wenig zu bieten. Das Spiel ist ein simples Jump´n´Run mit nur 20 statischen Screens. Man durchläuft die einzelnen Bilder, sammelt blinkende Lampions ein, erwehrt sich sporadisch auftauchender Feinde durch einen Tritt oder einen Schlag und das wars. Die Levelkonstrukte sind grob gezeichnet und die Animationen der Figuren lachhaft. Doch gerade dieser Purismus versprüht einen eigenartigen Charme.

Bruce Lee ist ein grobes, zweifarbiges Sprite, gelb und schwarz. Er läuft mit nur zwei Animationsphasen und erzeugt dabei ein Schrittgeräusch, dass am ehesten dem Zerreiben von Kartoffelchips zwischen den Handflächen ähnelt, letztlich aber nicht zu beschreiben ist. Man muss es gehört haben. Bruce kann sich ducken, springen, klettern und einen Sprungtritt bzw. einen Faustschlag ausführen, womit das Repertoire seiner Fähigkeiten schon erschöpft wäre. Der vom realen Vorbild entwickelte Kampfstil Jeet Kune Do basierte auf der Simplifizierung bestehender Stile, also mag man die eingeschränkten Möglichkeiten des digitalen Bruce Lee als Hommage an die Wirklichkeit betrachten, wenn man will.

Das Spiel stellt dem Helden nur zwei Gegner in den Weg, einen schwarzen Ninja und einen giftgrünen Sumo-Ringer. Der Ninja kann als der Standard-Bösewicht der 80er durchgehen. In den Kinos und Videotheken traten die vermummten Gestalten plötzlich sogar als titelgebende Helden unzähliger B-Movies auf. Im Computerspiel blieb allerdings wenig von der Bedrohlichkeit eines asiatischen Assassinen. Der Ninja im Spiel ist… dumm. Sein einziges Bestreben ist, den Spieler zu erreichen, und zwar auf geradem Weg. Ob er dabei in tödliche Fallen tappt oder mit stoischer Geduld immer wieder gegen eine Wand rennt, ist ihm egal. Da der schwarze Geselle also immer direkt auf das Bruce Lee Sprite zusteuert, kann der Spieler den Ninja quasi fernsteuern und in diverse tödliche Fallen lotsen. Das ist zwar unglaublich dämlich, aber ebenso spassig. Erreicht der Ninja den Spieler dann doch einmal, führt er den wohl einzigartigsten Schwertstreich der Geschichte aus. Ein Schlaganfallpatient in der Geriatrie könnte seine Krücke nicht langsamer schwingen.
Der grüne Sumo-Ringer ist der eigentliche Star des Spiels. Das liegt zum Teil an seiner herausstechendsten Eigenschaft: Er ist grün! Ein grüner Klotz mit schwarzem Lendenschurz und Zopf, der Kopf so gross wie der Rest vom Körper. Vor allem aber ist es sein Auftritt, der ihn unvergesslich macht. Er erscheint und lässt mit weit geöffnetem Mund einen dumpfen Schrei ertönen, bevor er losstürmt. Dieser eine Sound, dieser zutiefst elektronische Ton, bleibt mehr als alle anderen Details des Spiels in Erinnerung. Und man hat ausreichend Gelegenheit, ihm zu lauschen, denn sowohl der Ninja als auch der dicke Grüne gleichen ihre mangelnde Gefährlichkeit durch die unerschütterliche Hartnäckigkeit aus, die nur computergenerierten Figuren innewohnen kann. So oft man die beiden Gestalten auch im Kampf besiegt oder in tödliche Fallen lockt, nach wenigen Sekunden betreten sie die Welt von neuem. Immer und immer wieder.
Die einzelnen Bilder des Spiels scheinen wilden Drogenphantasien entsprungen zu sein. Allein die Wahl der Farben schafft den maximal möglichen Abstand zu einer realistischen Anmutung. Von einigen wenigen Details wie einer Stierstatue abgesehen ist auch die Ausstattung der Spielwelt fremdartig und erstaunlich. Unregelmässige Pixelraster wabern nach oben oder nach unten und sind dabei begehbar wie eine Leiter. Auf einer Leiste kleiner Erhebungen rasen elektrische Funken hin und her, aus den Wänden schiessen unförmige Gebilde, das Innere eines Turmes sieht aus wie ein Grafikfehler voller wirrer Bildpunkte. Und auch im Spielablauf zeigen sich die wundersamen Eigenheiten dieser grotesken Welt. So scheint die Schwerkraft bei den kleinen Sprüngen der Spielfiguren noch normal, bei einem tiefen Sturz aber nimmt sie plötzlich ab und die Protagonisten schweben förmlich wie an einem unsichtbaren Fallschirm langsam zu Boden.
Letztlich sind es aber nicht nur die beschriebenen Absonderlichkeiten, die das Spiel zu einem Evergreen machen. Bruce Lee bietet eine tolle Spielbarkeit und es macht einfach Spass, den kleinen gelben Kerl durch die schrillen Levels zappeln zu lassen. Das Spiel ist einer der Titel, die man auch dann immer wieder mal spielt, wenn man sie perfekt beherrscht und blind durchspielen kann
Bruce Lee auf einen Blick? Den ganzen Trip gibts gibts oben unter "Bilder". Einfach mal klicken...